Schlagwort: Völuspá

  • Die nordische Schöpfungsgeschichte

    Die nordische Schöpfungsgeschichte

    Wie ist die Welt entstanden? Die nordische Schöpfungsgeschichte, wie sie die Edda überliefert, beginnt mit einer Leere zwischen Eis und Feuer. Hier erzähle ich sie nach – vom Ginnungagap bis zu den ersten Menschen und den neun Welten. Wo spätere Deutungen hinzugekommen sind, steht das ausdrücklich dabei.

    I. Am Anfang der nordischen Schöpfungsgeschichte: Ginnungagap

    Es gab eine Zeit, da war nichts. Kein Sand, keine See, kein Meer, keine Erde, kein Himmel mit seinen Sternen. Im Anfang war nur Ginnungagap, die gähnende, lautlose Leere zwischen zwei Welten.

    Im Norden lag Niflheim: grimmig, neblig, voller Eis, Kälte und Finsternis. In seiner Mitte sprudelte die Quelle Hvergelmir, und aus ihrem brausenden Kessel entsprangen elf Flüsse1, die sich in den gähnenden Abgrund ergossen. Weit genug von der Urquelle entfernt stockten die Fluten und erstarrten zu Eis, hart wie Stein. So schoben sich Eis und Reif in die Urschlucht und füllten sie mit Sturm und Schnee.

    Im Süden loderte Muspelheim: ein Feuer, das niemand aufhalten konnte. Von dort flogen Funken in Ginnungagap und brachten dem Eis Milde. Heiße Winde schmolzen Eis und Reif, es zischte, tropfte und sprühte – und die fallenden Tropfen wurden lebendig durch die Kraft, die das Feuer ihnen sandte.

    Ginnungagap: die Leere zwischen Niflheim und Muspelheim

    II. Ymir und Audhumbla

    Aus dieser Begegnung von Feuer und Eis ging das Urwesen Ymir hervor, Mann und Frau zugleich, und mit ihm die Kuh Audhumbla, aus deren Euter Ymir sich nährte. Audhumbla selbst, die nirgends Weide fand, beleckte die salzigen Eisblöcke – und unter ihrer Zunge löste sich nach und nach eine Gestalt: am ersten Tag Haar, am zweiten ein Haupt, am dritten Tag ein ganzer Mann, schön und stark. Er hieß Buri.

    Eines Tages, nachdem er sich satt getrunken hatte, sank Ymir in tiefen Schlaf. Aus seinen Achselhöhlen wuchsen zwei Riesenwesen, Mann und Weib – von ihnen stammt das Geschlecht der Frost- und Reifriesen ab.

    Ymir und Audhumbla

    III. Die Ahnen der Asen

    Buri hatte einen Sohn, Bör, der die Riesentochter Bestla zur Gefährtin nahm. Sie schenkte ihm drei Söhne: Odin, Vili (auch Wili) und Ve (auch We). Mit ihnen kam das Göttergeschlecht der Asen in die Welt.

    Ahnen der Asen

    IV. Die Weltschöpfung aus Ymirs Leib

    Odin, Vili und Ve zogen aus, um die Herrschaft über die Schöpfung zu gewinnen, und erschlugen den alten Riesen Ymir. Die Blutströme aus seinen Wunden überfluteten die Welt, und alle Frostriesen ertranken bis auf einen: Bergelmir rettete sich mit seinem Weib und wurde zum Stammvater eines zweiten Riesengeschlechts.

    Den toten Leib Ymirs warfen die Brüder in den Abgrund zwischen Muspelheim und Niflheim und schufen aus ihm die Welt: aus seinem Fleisch die Erde, aus seinem Blut Meer und Ströme, aus Knochen und Zähnen Felsen und Steine, aus seinem Schädel die Wölbung des Himmels, aus seinem Hirn die Wolken, aus seinen Haaren die Bäume. Aus seinen Augenbrauen bildeten sie einen schützenden Wall – Midgard, die Burg der Menschen, gegen Meer und Riesen.

    Weltschöpfung

    V. Sonne, Mond und die Ordnung der Zeit

    Noch gab es weder Sonne noch Mond noch Gestirne, nur irrende Feuerfunken aus Muspelheim. Diese wandelten die Asen in Sterne und gaben ihnen ihre feste Bahn.

    Die Riesentochter Nacht gebar mit ihrem dritten Gatten Delling (Dämmerung) den Sohn Tag; beide wurden von Allvater zum Himmel emporgehoben – die Nacht empfing für ihre Fahrt das schwarze Ross Hrimfaxi, der Tag den weißen Renner Skinfaxi. Dem übermütigen Erdensohn Mundilföri raubten die Asen seine Kinder Sol und Mani: Aus dem Funkenregen Muspelheims bauten sie Sol den Sonnenwagen, bespannt mit den Hengsten Arwaker und Alswider, bewehrt mit dem Schild Swalin gegen den eigenen Brand. Mani lenkt den Mondwagen und trägt die Kinder Bil und Hjuki bei sich. Zwei Wölfe, Sköll und Hati, jagen Sol und Mani nach; kommen sie ihnen nahe, erbleichen die Himmlischen – die Sterblichen nennen dies Sonnen- und Mondfinsternis.2

    Sonne Mond und Zeit

    VI. Die Erschaffung der Menschen

    Als Odin und seine Brüder am Ufer des Meeres wanderten, fanden sie zwei Bäume – eine Esche und eine Ulme3. Aus der Esche formten sie den ersten Menschen, Ask, aus der Ulme das erste Weib, Embla. Odin gab ihnen Seele und Atem, der zweite Bruder Verstand und Gefühl, der dritte Blut, Sinne und Sprache4. Von Ask und Embla stammen alle Menschengeschlechter ab.

    Erschaffung der Menschen: Ask und Embla

    VII. Zwerge und Alben

    In dem verwesenden Fleisch des Urriesen Ymir tummelten sich Maden, aus denen die Götter das Volk der Zwerge schufen. Diese zerfielen in zwei Klassen: die Schwarzalben, die im Dunkel der Erde nach Erzen wühlten, Metalle schmiedeten und die Menschen bei Nacht durch Spuk erschreckten, sich aber auch dankbar zeigten, wenn man ihnen half; und die Lichtalben, schöne und frohe Wesen, den Sterblichen freundlich gesinnt.

    Einordnung: Dass die Zwerge aus den Maden in Ymirs Fleisch entstanden, erzählt Snorri (Gylfaginning 14). Die Völuspá (Str. 9–10) überliefert eine andere Fassung: Die Götter schufen das Zwergenvolk aus Brimirs Blut und Bláins Gebeinen. Licht- und Dunkelalben unterscheidet Snorri an anderer Stelle (Gylfaginning 17), ohne sie als Teile des Zwergenvolks zu beschreiben – ob Zwerge und Schwarzalben gleichzusetzen sind, wird in der Forschung diskutiert. Die Charakterzüge (Spuk, Dankbarkeit, Freundlichkeit) stammen aus späteren Nacherzählungen und Volksüberlieferung, nicht aus der Edda.

    Zwerge und Alben

    VIII. Die neun Welten – Abschluss der nordischen Schöpfungsgeschichte

    Insgesamt schufen die Götter neun Welten – drei unterirdische, drei irdische und drei himmlische:

    • Unterirdisch: Niflheim (Nebel- und Totenreich, mit dem tiefsten Abgrund Niflhel für Meineidige und Verbrecher), Schwarzalfenheim, Helheim
    • Irdisch: Midgard (die Welt der Menschen), Jötunheim (das Land der Riesen), Wanenheim (Reich der Wanen)
    • Himmlisch: Muspelheim (das Feuerland), Lichtalfenheim, Asgard

    Einordnung: Dass es neun Welten gibt, sagen Völuspá (Str. 2) und Vafþrúðnismál (Str. 43). Eine vollständige Liste der neun Welten nennt aber keine Quelle. Die Einteilung in drei unterirdische, drei irdische und drei himmlische Welten ist eine spätere Zusammenstellung und keine Überlieferung. Niflheim, Niflhel und Hel liegen in den Quellen zudem eng beieinander und lassen sich nicht sauber trennen.

    Die 9 Welten der nordischen Mythologie

    Anmerkungen

    1. Snorri zählt in der Gylfaginning (Kap. 4) elf Flüsse aus Hvergelmir mit Namen auf. Die Grímnismál (Str. 27–29) nennen deutlich mehr Flussnamen – die Zahl ist also nicht einheitlich überliefert.
    2. Die Wölfe Sköll und Hati als Verfolger von Sonne und Mond nennen Grímnismál (Str. 39) und Gylfaginning (Kap. 12). Die Erklärung von Sonnen- und Mondfinsternissen steht so nicht in der Edda; sie gehört zu späteren Deutungen.
    3. Die Quellen sprechen nur von zwei Bäumen bzw. Stämmen am Strand. „Ask“ heißt Esche; was „Embla“ bedeutet, ist sprachlich unsicher. Die Deutung als Ulme ist verbreitet, aber nicht gesichert.
    4. Die Gaben werden unterschiedlich überliefert: Bei Snorri (Gylfaginning 9) geben Odin, Vili und Ve Atem und Leben, Verstand und Bewegung, Antlitz, Sprache, Gehör und Sehen. In der Völuspá (Str. 17–18) sind es Odin, Hœnir und Lóðurr, die Atem, Sinn, Lebenswärme und gute Farbe schenken. Die Nacherzählung führt beide Fassungen zusammen.

    Quellen

    • Snorra-Edda, Gylfaginning Kap. 4–17 (Kapitelzählung nach der Ausgabe von Anthony Faulkes; andere Ausgaben zählen abweichend)
    • Lieder-Edda: Völuspá Str. 2–3, 9–10, 17–18; Vafþrúðnismál Str. 20–25, 29–35, 43; Grímnismál Str. 26–29, 37–41
    • Der Text ist eine freie Nacherzählung, keine Übersetzung. Der erste Absatz greift Völuspá Str. 3 auf. Namen stehen in eingedeutschter Schreibung.
  • Anderwelt verstehen bedeutet Runen verstehen

    Anderwelt verstehen bedeutet Runen verstehen

    Sowohl das Wirken der Runen wie auch das Verstehen der Runen, sind direkt abhängig von der nordischen Weltschau. Was im Umkehrschluss bedeutet, wer sich dem Paradigma der Ahnen nicht öffnet, verschließt sich auch den Runen und wird niemals wirklichen Zugang zu ihnen finden. Unser Paradigma hat sich im Zuge der Christianisierung komplett verändert und das was wir heute leben und glauben hat mit der Sicht der Ahnen nicht mal mehr im entferntesten Gemeinsamkeit.

    Wer also Runen verstehen will, muss verstehen, wie die Ahnen dachten. Dazu führen zwei Wege. Der erste führt zurück zu den Wurzeln ihres Glaubens und zeigt, wie er sich über die Jahrhunderte gewandelt hat. Der zweite führt hinein in die Grundsätze ihres Weltbildes, die sich von unserem heutigen Denken so grundlegend unterscheiden. Und wer diese Grundsätze erkannt hat, wird sie nicht nur verstehen, sondern leben wollen.

    Runen verstehen: Wie die Ahnen ihren Himmel sahen

    Die ältere Forschung nimmt an, dass die Stammväter der Germanen die religiösen Vorstellungen ihrer Urheimat zunächst treu bewahrten. Nach der Trennung von den übrigen indogermanischen Völkern hatten sie sich demnach in zwei Strömen verteilt: über die Ebenen Mitteleuropas und über den hohen Norden. Vorzugsweise verehrten sie die lichten Mächte des Himmels. Darauf deuten schon die alten Götterbezeichnungen hin, die die ältere Literatur als TIWAS („die Himmlischen“) und WANEIS bzw. WANEN („die Strahlenden“) ansetzt. Belegt ist im Altnordischen das Wort tívar für „Götter“, die Herkunft des Namens Wanen ist dagegen unsicher. Dementsprechend dürften TYR (bzw. ZIO), der Himmelsvater, und THUNAR, der Blitzgott, den Vorrang eingenommen haben.

    Auch Caesar berichtet, dass die Germanen nur jene Götter anerkannten, die sie sichtbar vor Augen hatten und deren Wirken sie unmittelbar erfuhren. Das waren die Sonne, der Mond und der Feuergott. Von anderen Gottheiten hätten sie nicht einmal durch Hörensagen gewusst (De bello Gallico VI, 21). Caesar kannte die Germanen aus eigener Anschauung, etwa aus dem Krieg gegen Ariovist und von seinen Feldzügen am Rhein.

    Dieser Lichtkultus schloss jede Vermenschlichung der Götter aus. Rund 150 Jahre später bezeugt Tacitus, dass sich daran zumindest in einem Punkt nichts geändert hatte. Die Germanen hielten es nämlich für unvereinbar mit der Größe der Himmlischen, sie in Tempelwände einzuschließen oder ihnen menschliche Gestalt zu geben (Germania 9). Stattdessen weihten sie den Göttern Wälder und Haine. Das Wesen der Gottheit fassten sie als ein Geheimnis auf, das man allein in Ehrfurcht schaut. Allerdings nennt Tacitus im selben Kapitel bereits Merkur, Herkules und Mars. Mit Merkur, dem am meisten verehrten Gott, ist nach römischer Deutung Wodan gemeint.

    Hier liegt bereits der erste Schlüssel zur Weltschau der Ahnen und damit zum Verstehen der Runen: Das Göttliche war nicht fern und abgeschlossen, sondern sichtbar, spürbar und mitten in der Natur gegenwärtig.

    Von den Himmlischen zu den Asen

    Durch die zunehmende Berührung mit dem Kulturvolk der Römer traten schon damals verstärkt andere Gottheiten in den Vordergrund. Sie entsprachen der nun vorherrschend kriegerischen Ausrichtung des Volksgeistes. Allen voran stand der Sturmgott WODAN (nordisch ODIN), den vor allem die späteren Sachsen und Franken zu ihrem obersten Gott erhoben.

    Von da an vollzog sich die Ausstattung der Götter mit menschlichen Formen rasch. Man nannte die neuen Weltherrscher nun ANSEN bzw. nordisch ASEN. In der älteren Deutung bedeutet das „Träger des Weltgebäudes und seiner sittlichen Ordnung“. Die Herkunft des Namens ist allerdings bis heute nicht abschließend geklärt.

    Dieser Übergang verlief jedoch nicht friedlich. Ähnlich wie die olympischen Götter der griechischen Mythologie mussten die Asen zunächst einen gewaltigen Kampf austragen, der die ganze Welt mit Verwüstung bedrohte: den Krieg mit den WANEN. Er endete erst, als beide Göttergeschlechter sich gegenseitig Geiseln stellten. Die Wanen sanken danach – bis auf wenige Ausnahmen wie Njord, Freyr und Freyja – allmählich in Vergessenheit. Ob sich in diesem Mythos tatsächlich ein historischer Wechsel der Kulte spiegelt, ist in der Forschung umstritten.

    Sechs Unterschiede im Weltbild – der Schlüssel, um Runen zu verstehen

    Was die Christianisierung verändert hat, lässt sich an sechs Grundsätzen festmachen. Jeder davon steht dem, was wir heute für selbstverständlich halten, diametral entgegen. Und jeder davon ist eine Voraussetzung, um die Runen wirklich zu verstehen.

    1. Zyklisches statt lineares Zeitverständnis

    Die Ahnen dachten in Kreisläufen: Jahreszeiten, Werden – Vergehen – Werden. Nicht in einem linearen Fortschritt in Richtung „Erlösung“ oder „Ende der Geschichte“. Ragnarök ist deshalb kein Endzeit-Ereignis im christlichen Sinn, sondern Teil eines größeren Zyklus. So schildert die Völuspá gegen ihr Ende, wie die Erde erneut grün aus dem Meer aufsteigt.

    2. Immanenz statt Transzendenz

    Die Götter sind Teil der Welt, nicht außerhalb von ihr. Es gibt keinen Dualismus von Schöpfer und Geschöpf und keine Trennung zwischen „heilig“ und „weltlich“. Das Diesseits ist der Ort, an dem alles zählt – nicht ein Wartesaal für ein Jenseits. Hier schließt sich der Kreis zu den Hainen, von denen Tacitus berichtet.

    3. Ehre statt Schuld

    Hier liegt der zentrale Unterschied zur später dominierenden christlichen Ethik. Handlungsleitend ist nicht ein Konzept von Sünde und Schuld gegenüber einer absoluten Norm, sondern Ehre: wie du in den Augen deiner Sippe und der Nachwelt bestehst. Der eigene Ruf (altnordisch orð, „Wort, Ruf“; orðstírr, „Nachruhm“) überdauert den Tod. Die Hávamál sagen es unmissverständlich: Vieh stirbt, Verwandte sterben, man selbst stirbt – doch der Nachruhm dessen, der sich guten erwirbt, stirbt nie (Hávamál 76, sinngemäß wiedergegeben).

    4. Wyrd statt Vorsehung

    Es gibt keinen allmächtigen Plan, dem man sich unterwirft. Wyrd ist vielmehr das, was durch vergangene Taten – deine eigenen und die deiner Ahnen – bereits gewoben ist. Mit jeder Handlung webst du daran weiter. Schicksal ist Mitgestaltung, nicht Fügung. Das Wort Wyrd ist altenglisch; die altnordische Entsprechung ist urðr, zugleich der Name der Norne Urd.

    5. Sippe statt Individuum vor Gott

    Identität ist relational: Du bist eingebettet in Ahnen, Nachkommen und Gemeinschaft. Nicht das isolierte Individuum steht vor einem universalen Gott, sondern das Selbst ist ein Knoten in einem Netz aus Verpflichtungen.

    6. Diesseitsorientierung

    Verzicht und Askese sind keine Tugend an sich. Stärke, Freude, Gastfreundschaft, ein gutes Leben zu führen – das ist der Maßstab, nicht Entsagung.