Sowohl das Wirken der Runen wie auch das Verstehen der Runen, sind direkt abhängig von der nordischen Weltschau. Was im Umkehrschluss bedeutet, wer sich dem Paradigma der Ahnen nicht öffnet, verschließt sich auch den Runen und wird niemals wirklichen Zugang zu ihnen finden. Unser Paradigma hat sich im Zuge der Christianisierung komplett verändert und das was wir heute leben und glauben hat mit der Sicht der Ahnen nicht mal mehr im entferntesten Gemeinsamkeit.
Wer also Runen verstehen will, muss verstehen, wie die Ahnen dachten. Dazu führen zwei Wege. Der erste führt zurück zu den Wurzeln ihres Glaubens und zeigt, wie er sich über die Jahrhunderte gewandelt hat. Der zweite führt hinein in die Grundsätze ihres Weltbildes, die sich von unserem heutigen Denken so grundlegend unterscheiden. Und wer diese Grundsätze erkannt hat, wird sie nicht nur verstehen, sondern leben wollen.
Runen verstehen: Wie die Ahnen ihren Himmel sahen
Die ältere Forschung nimmt an, dass die Stammväter der Germanen die religiösen Vorstellungen ihrer Urheimat zunächst treu bewahrten. Nach der Trennung von den übrigen indogermanischen Völkern hatten sie sich demnach in zwei Strömen verteilt: über die Ebenen Mitteleuropas und über den hohen Norden. Vorzugsweise verehrten sie die lichten Mächte des Himmels. Darauf deuten schon die alten Götterbezeichnungen hin, die die ältere Literatur als TIWAS („die Himmlischen“) und WANEIS bzw. WANEN („die Strahlenden“) ansetzt. Belegt ist im Altnordischen das Wort tívar für „Götter“, die Herkunft des Namens Wanen ist dagegen unsicher. Dementsprechend dürften TYR (bzw. ZIO), der Himmelsvater, und THUNAR, der Blitzgott, den Vorrang eingenommen haben.
Auch Caesar berichtet, dass die Germanen nur jene Götter anerkannten, die sie sichtbar vor Augen hatten und deren Wirken sie unmittelbar erfuhren. Das waren die Sonne, der Mond und der Feuergott. Von anderen Gottheiten hätten sie nicht einmal durch Hörensagen gewusst (De bello Gallico VI, 21). Caesar kannte die Germanen aus eigener Anschauung, etwa aus dem Krieg gegen Ariovist und von seinen Feldzügen am Rhein.
Dieser Lichtkultus schloss jede Vermenschlichung der Götter aus. Rund 150 Jahre später bezeugt Tacitus, dass sich daran zumindest in einem Punkt nichts geändert hatte. Die Germanen hielten es nämlich für unvereinbar mit der Größe der Himmlischen, sie in Tempelwände einzuschließen oder ihnen menschliche Gestalt zu geben (Germania 9). Stattdessen weihten sie den Göttern Wälder und Haine. Das Wesen der Gottheit fassten sie als ein Geheimnis auf, das man allein in Ehrfurcht schaut. Allerdings nennt Tacitus im selben Kapitel bereits Merkur, Herkules und Mars. Mit Merkur, dem am meisten verehrten Gott, ist nach römischer Deutung Wodan gemeint.
Hier liegt bereits der erste Schlüssel zur Weltschau der Ahnen und damit zum Verstehen der Runen: Das Göttliche war nicht fern und abgeschlossen, sondern sichtbar, spürbar und mitten in der Natur gegenwärtig.
Von den Himmlischen zu den Asen
Durch die zunehmende Berührung mit dem Kulturvolk der Römer traten schon damals verstärkt andere Gottheiten in den Vordergrund. Sie entsprachen der nun vorherrschend kriegerischen Ausrichtung des Volksgeistes. Allen voran stand der Sturmgott WODAN (nordisch ODIN), den vor allem die späteren Sachsen und Franken zu ihrem obersten Gott erhoben.
Von da an vollzog sich die Ausstattung der Götter mit menschlichen Formen rasch. Man nannte die neuen Weltherrscher nun ANSEN bzw. nordisch ASEN. In der älteren Deutung bedeutet das „Träger des Weltgebäudes und seiner sittlichen Ordnung“. Die Herkunft des Namens ist allerdings bis heute nicht abschließend geklärt.
Dieser Übergang verlief jedoch nicht friedlich. Ähnlich wie die olympischen Götter der griechischen Mythologie mussten die Asen zunächst einen gewaltigen Kampf austragen, der die ganze Welt mit Verwüstung bedrohte: den Krieg mit den WANEN. Er endete erst, als beide Göttergeschlechter sich gegenseitig Geiseln stellten. Die Wanen sanken danach – bis auf wenige Ausnahmen wie Njord, Freyr und Freyja – allmählich in Vergessenheit. Ob sich in diesem Mythos tatsächlich ein historischer Wechsel der Kulte spiegelt, ist in der Forschung umstritten.
Sechs Unterschiede im Weltbild – der Schlüssel, um Runen zu verstehen
Was die Christianisierung verändert hat, lässt sich an sechs Grundsätzen festmachen. Jeder davon steht dem, was wir heute für selbstverständlich halten, diametral entgegen. Und jeder davon ist eine Voraussetzung, um die Runen wirklich zu verstehen.
1. Zyklisches statt lineares Zeitverständnis
Die Ahnen dachten in Kreisläufen: Jahreszeiten, Werden – Vergehen – Werden. Nicht in einem linearen Fortschritt in Richtung „Erlösung“ oder „Ende der Geschichte“. Ragnarök ist deshalb kein Endzeit-Ereignis im christlichen Sinn, sondern Teil eines größeren Zyklus. So schildert die Völuspá gegen ihr Ende, wie die Erde erneut grün aus dem Meer aufsteigt.
2. Immanenz statt Transzendenz
Die Götter sind Teil der Welt, nicht außerhalb von ihr. Es gibt keinen Dualismus von Schöpfer und Geschöpf und keine Trennung zwischen „heilig“ und „weltlich“. Das Diesseits ist der Ort, an dem alles zählt – nicht ein Wartesaal für ein Jenseits. Hier schließt sich der Kreis zu den Hainen, von denen Tacitus berichtet.
3. Ehre statt Schuld
Hier liegt der zentrale Unterschied zur später dominierenden christlichen Ethik. Handlungsleitend ist nicht ein Konzept von Sünde und Schuld gegenüber einer absoluten Norm, sondern Ehre: wie du in den Augen deiner Sippe und der Nachwelt bestehst. Der eigene Ruf (altnordisch orð, „Wort, Ruf“; orðstírr, „Nachruhm“) überdauert den Tod. Die Hávamál sagen es unmissverständlich: Vieh stirbt, Verwandte sterben, man selbst stirbt – doch der Nachruhm dessen, der sich guten erwirbt, stirbt nie (Hávamál 76, sinngemäß wiedergegeben).
4. Wyrd statt Vorsehung
Es gibt keinen allmächtigen Plan, dem man sich unterwirft. Wyrd ist vielmehr das, was durch vergangene Taten – deine eigenen und die deiner Ahnen – bereits gewoben ist. Mit jeder Handlung webst du daran weiter. Schicksal ist Mitgestaltung, nicht Fügung. Das Wort Wyrd ist altenglisch; die altnordische Entsprechung ist urðr, zugleich der Name der Norne Urd.
5. Sippe statt Individuum vor Gott
Identität ist relational: Du bist eingebettet in Ahnen, Nachkommen und Gemeinschaft. Nicht das isolierte Individuum steht vor einem universalen Gott, sondern das Selbst ist ein Knoten in einem Netz aus Verpflichtungen.
6. Diesseitsorientierung
Verzicht und Askese sind keine Tugend an sich. Stärke, Freude, Gastfreundschaft, ein gutes Leben zu führen – das ist der Maßstab, nicht Entsagung.
